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02 · Engineering

Warum Dokumentation nicht das Ende der Pflegearbeit sein sollte

Pflegesoftware wurde traditionell darum gebaut, geleistete Versorgung zu erfassen. Das ist wichtig, bildet aber nur einen Teil dessen ab, was während einer Schicht tatsächlich passiert. Der Rest bleibt bei den Menschen hängen.

· 9 Min. Lesezeit

Heute

06:40 Uhr, Frühdienst. Eine Pflegekraft kommt aus dem Zimmer von Frau Müller und sagt im Vorbeigehen: „Die hat heute Morgen kaum was getrunken, das müsste im Spätdienst nochmal jemand anbieten.“

Sie dokumentiert es später im Berichteblatt. Vielleicht schreibt sie es zusätzlich in die Übergabe. Vielleicht legt jemand eine Aufgabe an. Vielleicht sagt sie es um 14 Uhr mündlich weiter, und wenn sie es vergisst, war es das.

Um 15:20 Uhr sieht eine andere Kraft im Plan: „Flüssigkeit anbieten“. Sie weiß nicht, warum. Sie kennt Frau Müller kaum. Also fragt sie jemanden, oder sie macht es eben, ohne zu wissen, worauf sie achten soll.

Nichts an diesem Ablauf ist ein Bedienfehler. Er ist die logische Folge davon, wie Pflegesoftware modelliert ist.

Warum das bestehende Modell dieses Problem erzeugt

Die Grundannahme klassischer Pflegedokumentation lautet: Versorgung passiert, danach wird sie erfasst. Dokumentation ist der Endpunkt.

Aus dieser Annahme folgt die Struktur der Software. Es gibt einen Bereich für die Dokumentation, einen für Aufgaben, einen für die Übergabe, einen für Vitalwerte. Jeder für sich ist sauber gebaut. Aber sie kennen sich nicht.

Der Satz von heute Morgen zerfällt dabei in vier Dinge, die in vier Bereiche gehören und danach nichts mehr voneinander wissen: eine Beobachtung, ein Zustand, eine offene Arbeit und ein Auftrag an eine andere Schicht.

Was das System nicht verbindet, verbindet ein Mensch. Meistens der, der am wenigsten Zeit dafür hat.

Das ist der eigentliche Grund, warum Digitalisierung im Heim oft als Mehrarbeit erlebt wird. Nicht weil Tippen lange dauert, sondern weil das System den Zusammenhang nicht hält und ihn deshalb bei jeder Rückfrage neu von der Pflegekraft anfordert.

Es ist auch die Grenze einer reinen Sprachlösung. Wenn Spracherkennung nur das Tippen ersetzt, ist die Dokumentation schneller geschrieben, aber sie endet an derselben Stelle wie vorher. Der Satz ist erfasst und arbeitet trotzdem nicht weiter.

Was wir anders entschieden haben

Wir haben flowly um eine andere Annahme gebaut: Was in der Pflege passiert, was daraus zu tun ist und warum es zu tun ist, gehört zusammen.

Eine bestätigte Beobachtung ist bei uns kein Endpunkt, sondern ein Ausgangspunkt. Aus ihr kann Dokumentation werden, eine offene Arbeit und ein Punkt für die Übergabe, ohne dass der Zusammenhang dabei verloren geht.

Derselbe Satz, anders modelliert: Die Beobachtung im Frühdienst wird in einzelne Aussagen zerlegt, auf die richtige Bewohnerin bezogen und der Pflegekraft im Wortlaut zur Bestätigung vorgelegt. Daraus entsteht genau ein Eintrag, der Arbeitszustand. Aus ihm fächern drei Sichten heraus: der Bericht, die Aufgabe für den Spätdienst und der Übergabepunkt. Wird die Aufgabe erledigt, aktualisiert das denselben Eintrag, und alle drei Sichten zeigen den neuen Stand.

Beobachtung im Frühdienstgesprochen, im VorbeigehenLäuftBezug auf die Bewohnerinwelche Frau Müller, welches ZimmerWartetBestätigungim Wortlaut vorgelegt, freigegebenWartetEin Eintragder ArbeitszustandWartetDREI SICHTEN AUF DENSELBEN EINTRAGBerichtBeobachtung: kaum getrunken, 06:40WartetAufgabeFlüssigkeit anbieten · SpätdienstWartetÜbergabepunktwenig getrunken · an den SpätdienstWartet

Beobachtung

Der Satz wird nicht als Text abgelegt, sondern in einzelne Aussagen zerlegt: was passiert ist, wen es betrifft, was daraus folgen soll. Das geschieht für Sprache, Tippen und Formulare an derselben Stelle, nach derselben Vorlage je Pflegebereich.

Beobachtung
Derselbe Satz, anders modelliert. Die Bestätigung durch den Menschen ist die Stelle, an der aus einer Äußerung ein belastbarer Zustand wird. Danach gibt es genau einen Eintrag, und Bericht, Aufgabe und Übergabepunkt sind Sichten darauf. Der Rückweg am Ende ist die Aussage: Erledigen aktualisiert den einen Eintrag, nicht drei Kopien. Der Kasten unter der Grafik folgt dem laufenden Schritt; wer den Zeiger auf einen Schritt legt, liest dessen Erklärung.

Was das verändert

Systementscheidung
Eine bestätigte Beobachtung ist der Ausgangspunkt für Arbeit, nicht der Abschluss einer Erfassung.
Technische Konsequenz
Dokumentation, offene Arbeit und Übergabepunkt entstehen aus derselben Quelle und behalten den Bezug zu ihr. Sie sind Ansichten auf einen Zustand statt getrennter Datensätze.
Im Dienst
Die Kraft im Spätdienst sieht nicht nur „Flüssigkeit anbieten“, sondern kann aufklappen, worauf sich das bezieht: die Beobachtung von heute Morgen, mit Uhrzeit und der Kollegin, die sie gemacht hat.
Für die Einrichtung
Weniger Kontext muss mündlich weitergegeben werden. Was in der Übergabe vergessen wird, ist nicht verloren, sondern steht an der Aufgabe. Und der Nachweis für die Prüfung entsteht nebenbei, statt am Monatsende zusammengesucht zu werden.

Warum das mehr ist als eine bequemere Verknüpfung

Man könnte einwenden, dass sich Verknüpfungen auch nachträglich einbauen lassen. In der Praxis kaum, und zwar aus einem Grund, der wenig mit Technik zu tun hat.

Eine Verbindung, die erst beim Anlegen einer Aufgabe von Hand gesetzt wird, wird im Frühdienst nicht gesetzt. Sie kostet einen zusätzlichen Handgriff in genau dem Moment, in dem am wenigsten Zeit dafür ist. Verbindungen, die Arbeit machen, existieren in Pflegedokumentation faktisch nicht.

Deshalb muss der Zusammenhang dort entstehen, wo ohnehin gearbeitet wird: beim Bestätigen des Gesagten. Nicht als Extraschritt, sondern als Nebenprodukt eines Schrittes, den es sowieso gibt.

Was daraus für den Rest des Systems folgt

Wenn Pflegearbeit als zusammenhängender Zustand modelliert wird, entstehen daraus Anforderungen, die man einzeln nicht nachrüsten kann. Jede davon ist ein eigener Beitrag in diesem Bereich:

  • Jeder Schritt muss seinen Anlass kennen, sonst ist die Kette an der ersten Stelle unterbrochen, an der jemand nachfragt.
  • Jede Aussage braucht einen Verantwortlichen, der auch Jahre später noch feststeht.
  • Es darf nur einen Weg geben, auf dem dieser Zustand verändert wird. Zwei Wege bedeuten zwei Wahrheiten.
  • Ein Assistent darf seinen Kontext nicht erraten, weil er sonst auf einem Zustand antwortet, den es so nicht gibt.

Der Unterschied zeigt sich nicht in einer Funktionsliste. Er zeigt sich in den Momenten, in denen es darauf ankommt: in der Übergabe, bei einer Rückfrage von Angehörigen, bei einer Prüfung, und im Spätdienst um 15:20 Uhr vor einer Aufgabe, die man versteht.

Der nächste Beitrag geht genau dorthin: Warum im Spätdienst niemand weiß, warum diese Aufgabe existiert.